Menschen aus dem Quartier erzählen

Wer ist Madame Hula?

Ein spätsommerlicher, sonniger Samstagnachmittag: An den verschiedenen Ständen des Geissensteiner Märtplatzes wird gefeilscht. Vor der aufgebauten kleinen Bühne warten zahlreiche Kinder auf die angekündigte Vorstellung von Madame Hula. Da erscheint sie – auffällig rot leuchtende Haare, rotes Kleid und eine rote Kugelnase. Die kecke und verspielte Clownfrau begrüsst die neugierigen Kinder. Langsam öffnet Madame Hula die Wunderkiste mit den gesammelten Schätzen aus ihrem Zirkusleben. Die Vorstellung kann beginnen! Es scheint mir wie eine Metapher für die spannenden Geschichten der sympathischen Frau, die mir gegenüber am Küchentisch sitzt und aus ihrem Leben erzählt: Einnehmend, bunt, überraschend und unkonventionell. Karin Volken ist 20, als sie nach ihrer Ausbildung an einer Pantomimenschule in Zürich nach Paris reist. An der «École Nationale de Cirque» kann sie ihrer grossen Leidenschaft für Bewegung und Artistik nachgehen. Darauf folgen zwei weitere Ausbildungsjahre in verschiedenen Tanzrichtungen. Während vielen Jahren tingelt Karin jeweils im Sommer durch die Schweiz und Europa. Dabei verdient sie sich ihren Lebensunterhalt mit Strassentheater und Workshops. Sie wird Gründungsmitglied der bekannten Theatertruppe «Karl’s kühne Gassenschau». Während fünf Jahren spielt sie in der Show mit. Alles wird dabei gemeinsam erarbeitet: Programm, Geschichte, Tourneeplan, Kulissen, Kostüme... Ausdruck, Kreativität und Bewegung begleiten sie durch ihr bisheriges Leben. Um ihre Erfahrungen zu vertiefen, reist sie nach China und Thailand. Dort lernt sie ganzheitliche Behandlungsmethoden aus der fernöstlichen Heilkunde kennen. Zurück in der Schweiz erwirbt sie an der Heilpraktikerschule Luzern das Diplom als Shiatsu-Therapeutin. Seit bald 20 Jahren bildet sie sich ständig weiter und führt eine eigene Praxis in Luzern. Vor 16 Jahren im Geissenstein niedergelassen Sie geniesst die tolle Lage hier, die Nähe zu See und Wald. Die kostengünstige Mie te ermöglicht es ihr, den Alltag so zu gestalten, dass Raum und Zeit für das bleibt, was ihr wichtig ist: Natur, Bewegung, Begegnungen mit Menschen, Kreativität und Lebensfreude. Für das Quartier würde sie sich einen schön gestalteten Dorfplatz und zusätzlichen Lebensraum für Vögel und Insekten wünschen. Und Madame Hula? Sie ist es, welche die Verbindung zu der spontanen, spielerischen und unabhängigen Welt von Karins beruflichen Anfängen schafft. Dass die Figur mit Leichtigkeit aus Karin heraus entstanden ist, ist kein Zufall. Die Offenheit für das Ungeplante, die Neugier auf das Leben, die Phantasie und die Experimentierlust strahlen beide Persönlichkeiten aus. Das Leben findet für sie jetzt statt und nicht in einer unbekannten Zukunft. Ein Lebensmotto, in dem Langeweile wohl ein Fremdwort bleibt... Karin Volken Die 59-jährige wohnt seit 16 Jahren im Geissenstein. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und darf demnächst ihr erstes Enkelkind begrüssen. In der Rolle der liebenswürdigen Clownfrau Madame Hula bringt sie Kinderaugen zum Leuchten. Die Liebe zu Bewegung, Tanz und Zirkus zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Heute führt sie eine eigene Praxis für Shiatsu und Qigong in Luzern. Interview Marlis Notter

Ruben Gander: Unterwegs

Ich klingle an der Haustür. Ein sympathischer junger Mann öffnet mir. Wir sind einander vorher noch nie begegnet, obwohl wir nur ein paar Häuser voneinander entfernt wohnen. Das ist wohl kein Zufall – Ruben gehört zu jenen Menschen, für welche der Tag mehr als 24 Stunden zu haben scheint...   Ruben war 10 Jahre alt, als er im Gütschwald mit seinem gleichaltrigen Freund eine der ersten Downhill-Strecken in Luzern entdeckte.  Downhill-Mountainbike ist gemäss Wikipedia eine Sportart, bei der es darum geht, mit einem speziellen Fahrrad eine bergab führende Strecke in gröbstem Gelände, gespickt mit Hindernissen möglichst schnell und unfallfrei zu bewältigen. Die beiden Jungs wagten sich auf ihren einfachen Kinderfahrrädern an ihre ersten Abfahrten. Die nächsten Jahre sollte sie diese Leidenschaft nicht mehr loslassen. Die Bikes wurden mit den Jahren perfekter, die Strecken herausfordernder. Neben seiner Berufsausbildung investiert er fast täglich Zeit in sein Training. Allein oder mit Freunden, ohne Verein und ohne Trainer. Seine Leistungen aber lassen sich zeigen! Er beteiligte sich bereits an verschiedenen Rennen. Am Swiss Downhill-Cup in Bellwald belegte er letztes Jahr den 3. Platz. Am internationalen Downhill-Rookies Championship in Serfaus / Österreich, holte er sich in der Kategorie U17 den 37. Platz – und dies bei 150 Teilnehmenden, darunter viele, die dies bereits professionell tun. Als ich mir einige Videos von Downhill-Rennen anschaute, stieg mein Respekt vor Teilnehmenden an solchen Wettkämpfen: Volle Fahrt über Wurzelwege, Steinfelder, dazu rasante Sprünge, die bis zu zehn Meter weit und 6 Meter hoch ausfallen können. Nicht ganz ungefährlich! Bei einer Geschwindigkeit von bis zu 70 km/h muss das Fahrrad ständig unter voller Kontrolle sein. Angst hat Ruben nicht, Respekt schon. Ruben ist ein Sportler mit Talent! Und trotzdem – als Profi sieht er sich nicht. Dazu müsste er seine Ausbildung aufgeben und voll auf den Sport setzen. In der Schweiz ist dies nicht ganz einfach. Es gibt zwar auch in der Schweiz allmählich Sponsoren, davon leben aber kann kaum jemand.  Letzten Sommer hat Ruben seine vierjährige Ausbildung in der Fachklasse Grafik begonnen. Parallel dazu bereitet er sich für die Berufsmatura vor. Sein Traum ist es, einmal als selbstständiger Grafiker oder Illustrator arbeiten zu können. Ich bin beindruckt, wie realistisch er sich in seinem Alter zeigt, ohne dabei die Begeisterung und Motivation für die Sache zu verlieren. Er möchte zwar auch im Crossbiken ein bestimmtes Niveau erreichen, sein Ziel aber ist es, mit Spass daran bleiben zu können. Im Sport wie auch im Beruf. Ruben gehört zu einer jungen Generation, welche weiss was sie will und dafür einige Anstrengungen in Kauf nimmt.   DownhillerRuben Gander (16) lebt mit seinen Eltern und seinen beiden jüngeren Schwestern seit eineinhalb Jahren im Geissenstein. Vor gut einem halben Jahr zog die Familie an den Höhenweg. «Ein cooles Quartier», meint er, «die Lage und vor allem auch die Leute».Ruben besucht die Fachklasse für Grafik und hat eine besondere Leidenschaft: Downhill Mountainbiking. Interview Marlis Notter

Schritt für Schritt in die eigene Zukunft

Sie fallen mir sofort auf, die beiden jungen, sympathischen Frauen vor dem Haus am Hügelweg. Mit einem Glas Wein in der Hand geniessen sie die letzten Sonnenstrahlen. Spontan willigen sie zu einem Interview für den Geissensteiner ein. Im Garten vor dem Haus treffe ich auf Anna. In ihren Händen hält sie mehrere Blumentöpfe, um sie für den Frühling vorzubereiten. Nach einer KV Lehre und anschliessender Berufserfahrung an der Uni Bern steht Anna heute kurz vor ihrer Zweitausbildung als Gemüsegärtnerin. Die preiswerte Wohnung im Geissenstein ermöglicht es ihr, die Lebenskosten so tief zu halten, dass sie sich eine zusätzliche Ausbildung überhaupt erst leisten kann.  Anna liebt die Arbeit mit den Händen und bewegt sich gerne an der frischen Luft. Von ihrem handwerklichen und kreativen Geschick zeugt auch der Stuhl, auf dem ich heute sitze. Ich bin beeindruckt von diesem wunderschönen, perfekt geschreinerten Stück aus Kirschbaumholz – und dies ohne Verwendung von Metallschrauben. In der Werkstatt im Keller kann sie ihre kreative Seite voll zum Ausdruck bringen. Auch Carla zog es nach der Matura zur praktischen Arbeit. Nach einem Jahr Mitarbeit auf dem familieneigenen Rebberg arbeitet sie heute für einen Bioproduzenten auf dem Wochenmarkt. Je nach Saison ist sie auch an einem Stand mit Magenbrot anzutreffen. Sie liebt den Kundenkontakt und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die lebendige und aufgeweckte Frau Mühe hätte, den ganzen Tag in einem Büroraum zu verbringen. Carlas Leidenschaft aber liegt im künstlerischen Tun, sei es beim Tanzen, Malen oder im Herstellen von Schmuck. In dieser Richtung sieht sie auch ihre berufliche Zukunft. Sie nimmt sich dafür die nötige Zeit und ist offen für das, was auf sie zukommt. Für die beiden Frauen ist ihr WG-Leben eine Bereicherung. Es entstehen viele vertraute Gespräche, man inspiriert sich gegenseitig, kocht gemeinsam oder unternimmt ganz spontan etwas zusammen. Die Art des Wohnens ist für sie ein wesentlicher Teil des Lebens. Sie möchten sich in einer Wohnung geborgen fühlen, auftanken und sich ihre eigene Welt gestalten können. Sie lieben das Quartier in seiner Lebendigkeit, mit all den Gärten, den Tieren und den freundlichen Nachbarn. Und sie erleben die EBG als sehr unkompliziert und wohlwollend. Anna und Carla Seit fünf Jahren wohnt Anna Blättler (28) im Geissenstein. Aufgewachsen in Hitzkirch zog es sie schon früh in die Stadt. Durch den Sohn ihrer Nachbarin kam sie ins Quartier. Vor zwei Jahren stiess Carla Breitschmid (26) dazu. Carla stammt aus Meggen. Die beiden jungen Frauen bewohnen am Hügelweg 4 eine kleine Dreizimmerwohnung mit Garten. Anna und Carla schätzen auch die Einfachheit ihrer Wohnung. Geheizt wird noch mit Holz. Es ist ihnen wichtig, bewusst zu konsumieren und dabei die Umwelt zu schonen. Respekt und Sorgfalt den  Menschen, der Natur und sich selber gegenüber haben einen hohen Stellenwert in ihrem Alltag. Beide sind sehr offen und interessiert und lassen sich vom Leben leiten. Sie möchten sich nicht auf den vielen Privilegien ausruhen, welche ihrer Generation zur Verfügung stehen. Sie sehen es als Auftrag, ihre Begabungen umzusetzen und in die Gesellschaft einzubringen. Auch wenn es ob der vielfältigen Möglichkeiten nicht immer einfach ist, Entscheidungen zu treffen... Interview: Marlis Notter

Biodünger von der Strasse

Es klingelt ohne Unterbruch! Beim Öffnen der Haustür sehe ich gerade noch zwei kleine Schlitzohren davonflitzen. Es gibt Kinderstreiche, die verjähren nie. So auch nicht die vielen Erinnerungen von Max Zeder an seine Kinder- und Jugendzeit im Geissenstein.   Max Zeder Max (84) und sein jüngerer Bruder René sind im Geissenstein geboren und aufgewachsen. Mit 17 Jahren zog er für eine Lehre bei der Post nach Basel. Nach einigen Jahren in der Fremde, kehrte er 1964 mit seiner Frau Hildegard und den drei gemeinsamen Kindern ins Isebahnerdörfli zurück. Max liess sich zum Primarlehrer umschulen und unterrichtete während 30 Jahren im Moosmattschulhaus. Zwei ihrer drei Kinder und die fünf Enkelkinder leben heute ebenfalls im Quartier und bereichern den Alltag der Grosseltern.   Max`Vater, Angestellter bei den SBB, bezog mit seiner Frau in den Dreissigerjahren eine Wohnung am Höhenweg. Die wenigen Einfamilienhäuser waren laut damaligem Vermietungsreglement ausschliesslich den Lokführern vorbehalten. Ein richtiges Dorf sei es gewesen, das Geissenstein, erinnert sich Max. Alle kannten alle und wenn eine Familie neu zuzog, war es üblich, dass diese sich bei der gesamten Nachbarschaft, inklusive bei den Bewohnern der umliegenden Häuser, vorstellte. Für die Kinder gab es viel Platz zum Spielen. Auf dem Tschuttiplatz wurde erfolgreich gegen die Breitlacherbuben gekämpft. Das erste Auto im Geissenstein bleibt Max noch gut im Gedächtnis. Wenn beim Hockeyspielen auf der Dorfstrasse die Erwachsenen den Kindern zuriefen: «Achtung Auto!» wusste man, dass Herr Scheuner mit dem einzigen Auto im Quartier auf dem Weg nach Hause war. Die Milch wurde vom Milchmann täglich mit Pferd und Wagen ans Haus geliefert. Die nebenbei produzierten Pferdeäpfel waren für manch leidenschaftliche Gärtnerin ein gefundener Gratisdünger.   Der Schulweg Richtung Mossmattschulhaus bot genügend Möglichkeiten, die Wirkung von verschiedenen Bubenstreichen zu erproben. Wenn gerade niemand in Sicht war, luden die reifen Früchte in den Obstbäumen zum Naschen ein. Spannend war es auch zu beobachten, was passierte, wenn ein Hase zu einer Häsin ins Nachbarkäfig gesteckt wurde ... Es gab zwei Bauernhöfe im Quartier: An der Ecke zur Sternmattstrasse und auf dem Gelände der Rodtegg, wo heute das Schulheim steht. Auf der Kuhweide unterhalb des Bocks schnallten sich die Kinder im Winter die Skier an und erprobten ihr Können bei einer zügigen Abfahrt Richtung Elfenau. Als Gewinn lockten Farbstifte, Spitzer oder andere Kleinigkeiten.   Die Feste im Geissenstein waren für Gross und Klein Höhepunkte des Jahres. Man genoss jede Abwechslung und da weder TV noch Internet für Unterhaltung sorgten, musste man sich selber darum bemühen. Max Zeder lebt auch heute noch sehr gerne im Geissenstein, ist es doch seine eigentliche Heimat geblieben. Vieles hat sich verändert über die Jahre, aber auch heute noch spielen die Kinder auf dem Dorfplatz. Das «Achtung Auto» muss allerdings etwas häufiger gerufen werden als früher.   Ich erlebe Max Zeder im Gespräch als vitalen, flexiblen und bescheidenen Menschen mit viel Lebenserfahrung. Seine Neugier und die Lust am Leben sind spürbar. Er ist interessiert an Kultur, Reisen, spielt Boule, macht Musik, liest Bücher und engagiert sich in der Langzeitbegleitung von Menschen, die seine Unterstützung brauchen. Vielleicht ist es ja der Spirit des Geissensteins, der unsere älteren Mitbewohner und Mitbewohnerinnen so bewundernswert fit und wach bleiben lässt.       Interview Marlis Notter  

Ein Kreis schliesst sich

Wir sitzen am Fenster des Wohnzimmers hoch über der Stadt Luzern. Der Blick aus dem Fenster gleicht einem Bild aus einem Ferienkatalog. Hier verbringt die Familie Grimaldi ihren Alltag. Es ist ein Privileg, ist Priska überzeugt, in einem so tollen und lebendigen Quartier leben zu können.   Dass Priska Grimaldi das Leben schätzt und geniesst, sieht man ihr an. Ihre Augen strahlen Offenheit und Lebensfreude aus. Und dies, obwohl – oder vielleicht gerade – weil sie in ihrem Beruf auch den schwierigen Seiten des Lebens begegnet. Priska hat sich nach der obligatorischen Schulzeit zur Pflegefachfrau ausbilden lassen. Damit hat sie sich einen Kindheitstraum erfüllt.   Menschen und ihre Geschichten haben sie seit jeher interessiert. So erstaunt es nicht, dass sie sich seit 19 Jahren beruflich gerade dort engagiert, wo sich das Leben in seiner ganzen Verletzlichkeit und Tiefe zeigt: Auf der onkologischen und palliativen Abteilung des Kantonspitals Luzern. Hier wird sie konfrontiert mit dem Leiden und der Endlichkeit des Lebens. Sie begleitet Menschen verschiedenen Alters und Kulturen in schwierigen Lebensphasen. Als kompetente und einfühlsame Pflegefachfrau versucht sie, ihnen und ihren Angehörigen Stütze zu sein und Mut zu machen. Menschen bei ihrem letzten Schritt beizustehen, setzt Achtsamkeit und Vertrauen voraus. Dabei ist sie als ganzer Mensch gefragt, mit ihrer Erfahrung, Flexibilität und Präsenz. Kein Tag gleicht dem andern und sie weiss nie, was auf sie zukommt. Dass sie ihre Arbeit liebt, spüre ich beim Gespräch deutlich.   Die Aufgabe ist herausfordernd, auch weil man dadurch immer wieder mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert wird. Ob sie dies denn nicht sehr belaste, frage ich sie? Es sei nicht immer einfach, Extremsituationen aushalten zu können, sie bekomme aber durch diese Begegnungen auch sehr viel geschenkt. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod führe sie dazu, jeden Moment als Geschenk wahrzunehmen und dankbar zu sein, dass sie und ihre Familie gesund sein dürfen. Der Tod gehört für sie aber so selbstverständlich zum Leben wie die Geburt. Man kommt mittellos und allein auf diese Welt und verlässt sie auf dieselbe Weise. Was wir mit der Zeit dazwischen tun, liegt in unserer Verantwortung.   Nach intensiven Arbeitstagen oder Nächten wird sie von ihren beiden Kindern wieder in den lebendigen Alltag zurückgeholt. Bei ihrer Familie kann sie auftanken, Yoga und Spaziergänge in der Natur helfen ihr, zur Ruhe zu kommen und ihre Erlebnisse einzuordnen. Und die wunderschöne Umgebung des Geissensteins unterstützt sie zusätzlich dabei. Sie schätzt das urbane Wohnen, die Durchmischung der Mieterschaft, die farbigen Gärten, die verschiedenen Gruppen, die sich freiwillig engagieren. «Ich bin jedes Mal stolz sagen zu können, ich bin eine Geissensteinerin», meint sie zum Schluss.   Interview Marlis Notter

«Bilder, die sprechen»: Christian Frehner, Künstler

Rund 18 beheizte Räume werden im Geissenstein als Ateliers, Büros oder Hobbyräume an Mitglieder der EBG vermietet. In diesen Räumen wird genäht, gewerkelt, gemalt oder Klienten beraten, gecoacht und behandelt. In einem dieser Ateliers an der Dorfstrasse trifft man auch Christian Frehner an. Die künstlerische Begabung von Christian Frehner zeigte sich bereits in seiner Kindheit. Bei einem längeren Spitalaufenthalt im Alter von 11 Jahren greift er zu Stift und Papier und zeichnet, was er von seinem Bett aus zu sehen bekommt. Er beobachtet seine Umgebung, versucht diese genau wahrzunehmen und wiederzugeben. Er ist fasziniert von Farben und Formen. Seine Neugier und seine feine Beobachtungsgabe helfen ihm, die Welt zu entdecken und Dinge einzuordnen. Nach der obligatorischen Schulzeit besucht er das Lehrerseminar mit dem Ziel, sich anschliessend an der Kunstgewerbeschule zum Zeichnungslehrer weiterzubilden. Heute arbeitet er zu 50 % als Lehrer für Gestaltung am Gymnasium in Engelberg, um daneben noch Zeit als freischaffender Künstler zu haben. Regelmässig nimmt er an Ausstellungen teil, erst kürzlich zeigte er seine Werke in Luzern und Giswil. Christian ist vielseitig in seinem Ausdruck: Zeichnen, Malen, Fotografieren, je nachdem, wie er seine aktuellen Themen am besten umsetzen kann. Sich selber stellt er nicht gerne in den Vordergrund – lieber lässt er seine Bilder sprechen. Er freut sich, wenn sich jemand von ihnen berühren lässt, dadurch etwas auf eine neue Weise sehen und die eigenen Wahrnehmungsgrenzen überschreiten kann. Auf die Frage, warum er sich künstlerisch betätigt, antwortet er: «Weil ich es muss....!» Künstler zu sein, ist für ihn mehr als ein Beruf, es ist seine Berufung. So nahe an seinem Wohnort gestalterisch tätig sein zu dürfen, ist für ihn ein Privileg. Die kostengünstige Miete des Raums hilft ihm, sich ein Atelier überhaupt leisten zu können, was in einer Stadt wie Luzern nicht mehr selbstverständlich ist. In einer Siedlung wie der EGB zu leben, hat für Christian auch einen ideellen Wert. Er sieht die Genossenschaft als Gemeinschaftswerk, welches Menschen verschiedener Generationen ermöglicht, auf qualitativ hohem Niveau preiswert zu wohnen. Es gibt hier keine Immobilienhändler die versuchen, auf Kosten der Mieter hohe Gewinne zu erwirtschaften. Er geniesst die tolle Lage und den dörflichen Charakter des Quartiers. Schon als Kind haben ihn die alten Häuserreihen an der Dorfstrasse fasziniert. Dass er später einmal selbst da leben würde, konnte er sich damals noch nicht vorstellen! Wenn Christian etwas ändern dürfte, würde er die vielen wild parkierten Autos vom Wohnbereich in den Untergrund verschieben. Fussgänger und Kinder in ihrem Spieldrang sollten klar Vorrang auf dem beschränkten freien Platz im Quartier haben! Vielleicht würde der Geissenstein dadurch ja noch etwas farbiger und lebendiger.... Eisenbahnersohn Christian Frehner, 42, ist im Langensandquartier aufgewachsen. Sein Grossvater und sein Vater waren «Isebähnler» und schon früh Mitglied der EBG, wohnten selber jedoch nie im Geissenstein. Auch dank ihnen konnte Christian 2003 nach dem Abschluss seiner Ausbildung auf Anhieb eine kleine Zweizimmerwohnung im Quartier beziehen. Heute lebt er am Waldweg. Interview: Marlis Notter

Katrin Stedtler: «green-company», ein neues Blumenhaus an der Dorfstrasse 10

Das war echt eindrücklich: Während dem Interviewtermin mit dem «Geissensteiner»-Redaktor nimmt die Floristin scheinbar zufällig die eine oder andere Pflanze aus den Töpfen und von hier und dort eine Blüte. Parallel zum Gespräch entsteht so ein wunderschöner Blumenstrauss. Warum geht das scheinbar mühelos? «Schon als Kind habe ich mich gerne kreativ mit Blumen beschäftigt und hatte den Berufswunsch Floristin. Nach einer Lehre in einer ganz andern Sparte habe ich mir vor 25 Jahren meinen Traum erfüllt und in meiner Heimat einen Blumenladen eröffnet,» erklärt Katrin Stedtler.  Im Schaufenster an der Dorfstrasse 10 steht ein altes Gartentor, das sie im Quartier gefunden hat. Der vermeintliche Güsel hat eine neue Aufgabe als Ladeneinrichtung gefunden. Katrin Stedtler meint: «Ich habe sofort den Nutzen erkannt. Im Gegensatz zu früher ist es heute möglich, alle Pflanzen, Farben und Materialien zusammenzuführen.» «green-company» bietet alle Dienstleistungen eines zeitgemässen Blumenladens an. «Von der einzelnen Rose bis zum grossen Blumenarrangement und das rasch und unkompliziert», lacht die Besitzerin. Weiter berät sie ihre Kundinnen und Kunden über einen schönen Blumenschmuck zur Hochzeit, zur Taufe oder die Trauerfeier und erstellt Tischdekorationen fürs Familienfest. Ihre umfangreichsten Beratungen finden ausserhalb des Ladens statt, wenn sie für Wohnungen oder ganze Firmensitze Bepflanzungskonzepte erstellt. Floristik ist keine geheime Kunst sondern ein kreativer Akt, der interaktiv erlebbar ist. Katrin Stedtler bietet monatlich Kurse zu verschiedenen Themen rund um Blumen, Pflanzen und Dekoration an (siehe Homepage «www.green-company-luzern.ch»). Für 2018 ist zudem ein Kurs geplant, der sich explizit an Kinder richtet. Bestellungen nimmt der Blumenladen an der Dorfstrasse 10 auf per Mail entgegen und die bestellten Produkte werden selbstverständlich nach Hause geliefert. «green-company»: Das ist die Inhaberin Katrin Stedtler Katrin Stedtler ist in der Nähe von Norden aufgewachsen, ganz in der Nähe zur Nordsee und den ostfriesischen Inseln (Norderney). Sie lebt seit fünf Jahren als Floristin in der Schweiz. Im August 2017 eröffnete sie ihr Blumengeschäft «green-company» an der Dorfstrasse 10 in Luzern. Sie ist erreichbar über Internet «www.green-company-luzern.ch», Tel. 079 931 58 87 oder per E-Mail «mail@green-company-luzern.ch». Präsent ist sie zudem auf diversen Social Media Kanälen.

Patience Douglas: Das Beste aus beiden Kulturen in sich vereinen

Auch im Geissenstein leben Menschen aus verschiedenen Nationen. Nicht immer ist der andere kulturelle Hintergrund so offensichtlich, wie bei Patience Douglas und ihrer Familie. Patience ist vor 5 Jahren zu ihrem Mann Enock aus Ghana in die Schweiz gezogen. Ihrem Mann war die Schweiz schon bestens vertraut, er lebt seit 27 Jahren hier, 20 Jahre davon im Geissenstein.  Für seine Frau war es ein grosser Schritt, weg von ihrer vertrauten Heimat in einer afrikanischen Millionenstadt, hin zu einem beschaulichen Quartier einer Kleinstadt. Weg auch von einer Grossfamilie, hin zu einem Leben zu Zweit. Bald vergrössert sich die Familie und die beiden Töchter kommen zur Welt. Hier wachsen sie auf – zwischen Luzern, als Basis ihres Alltags, und Ghana im Herzen ihrer Eltern. Patience fühlt sich im Geissenstein sehr wohl und akzeptiert. Sie schätzt die ruhige und friedliche Umgebung, die freundliche Nachbarschaft und die Sicherheit, die das Quartier ihr und ihren Kindern bietet. Sie liebt die Gartenarbeit und den Kontakt mit den freundlichen Nachbarn. Wenn es aus Patience Küche nach ghanaischer Kost duftet, spürt man beim Vorbeispazieren einen Hauch afrikanischer Atmosphäre. An der schweizerischen Küche liebt sie besonders Kartoffelsalat und Rösti. Ihre berufliche Tätigkeit in Ghana war im Hotelbereich. Dadurch hatte sie Kontakt mit Menschen aus verschiedenen Kulturen. Ihr ist es wichtig, viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, trotzdem vermisst sie manchmal den Ausgleich in ihrem Beruf. Mit dem Wegzug aus Ghana hat sie viele Vorteile ihres umfangreichen sozialen Netzes zurückgelassen. So fehlt es in einer afrikanischen Grossfamilie nie an geeigneter Kinderbetreuung. Das erlebt sie hier anders. Kinderhorte sind zwar vorhanden, kosten in der Schweiz aber viel Geld. Etwas, an das sich Patience Douglas gewöhnen muss, ist der andere Umgang mit Zeit. In der Schweiz wird Vieles weit im Voraus geplant. Spontan jemanden zu besuchen oder mal einen längeren Schwatz zu halten, ist nicht einfach. Beziehungen, Begegnungen und Austausch haben in afrikanischen Kulturen einen hohen Stellenwert – manchmal halt auch auf Kosten von Perfektionismus. Patience lernt zurzeit intensiv deutsch. Mit ihren Kindern spricht sie zu Hause ihre Muttersprache Ashanti und Englisch. Die ältere Tochter besucht bald schon den Kindergarten und es wird wohl nicht lange dauern, bis sie ihre Mutter sprachlich unterstützen kann. Und was wünscht sich Patience für die Zukunft ihrer Kinder? Etwas was sich die meisten Eltern wohl wünschen: Eine gute Schulbildung und einen Beruf, der zu ihnen passt. Was sie aber ihren Kindern zusätzlich vermitteln möchte, sind Empathie, Respekt und Toleranz allen Menschen gegenüber, egal aus welchem Kontinent sie stammen. Und ihre Töchter sollen einmal das Beste aus beiden Kulturen in sich vereinen können, wo immer sie auch später leben werden.

Ruth Fries: Geschichte und Geschichten

Der Vater von Ruth Fries, Angestellter der SBB, wuchs im «Isebahnerdörfli» auf und wohnte später mit seiner Frau am Hügelweg, als 1934 die kleine Ruth geboren wurde. Seit 80 Jahre lebt sie im Geissenstein und ihre Augen leuchten, wenn sie von früheren Zeiten erzählt. Man spürt, wie sehr sie mit dem Ort verbunden ist. «Schön ist es hier», sagt sie, «so grün und ruhig, selbst die Luft scheint reiner zu sein als unten in der Stadt!»  Man kann sich die kleine Ruth gut vorstellen, wenn sie schildert, wie die zahlreichen Kinder viel Platz und Zeit zum Spielen hatten. Die Strasse gehörte ihnen, es gab noch kaum Autos. In den 176 Wohnungen lebten damals rund 600 Personen. Jede Familie bebaute einen Pflanzplätz, was während dem Krieg für viele existentiell war. Bei Herrn Burri am Waldweg konnte man für 2 Rp. Setzlinge beziehen. Im Hühnerhof daneben wurden die Eier gekauft und die Milch lieferte der Milchmann bis zum Haus. Es existierte zu dieser Zeit bereits ein kleiner Konsum-Laden, alles andere mussten sich die Frauen aber zu Fuss in der Stadt besorgen. Erst ab 1948 fuhr ein Bus ins Geissenstein.  Das Dörfli war von Anfang an ein lebendiger Begegnungsraum, wo die Mütter sich zum Stricken auf dem Spielplatz trafen. Eine Freiluftbahn am Höhenweg lud zu Kegeln ein und in der Bibliothek im alten Bock lieh man sich die neuesten Bücher aus.  Bis 1952 besuchten die Kinder die Primarschule im Moosmattschulhaus. Für die Sekundarstufe mussten die Jugendlichen zu Fuss ins Museggschulhaus am andern Ende der Stadt. Und dies jeden Tag. Dass Ruth die Ausbildung zur Kindergärtnerin besuchte, war ein Entscheid der Eltern. Bereits Ihre Mutter wollte als junge Frau das Lehrerseminar besuchen. Der damalige Rektor aber winkte ab mit dem Hinweis, dass sie als Frau ohnehin keine Chance hätte. Die Ausbildungsplätze seien den Männern vorbehalten, da diese  schliesslich später eine Familie ernähren müssten... So wurde ihre einzige Tochter Ruth ins Kindergärtnerinnen-Seminar nach Ebnat-Kappel geschickt. Dass ihr dieser Beruf entsprach und sie ihn während 42 Jahren mit Freude und Hingabe  ausübte, glaubt man ihr sofort. Wohl über Tausend Kinder wurden dank ihrer kreativen und lebendigen Art gefördert und auf die Schule vorbereitet. Ihr Anfangslohn betrug damals gerade mal CHF 300.– im Monat. Damit konnte sie sich keine eigene Wohnung leisten – auch nicht im Geissenstein(!) – und so zog sie wieder bei ihren Eltern ein.  Heute geniesst Ruth Fries mit ihren beiden Katzen ihre eigene Wohnung im Dorfzentrum. Nicht mehr als Kinder- sondern als Gärtnerin widmet sie sich  ihren vielen Topfpflanzen und ihrem Pflanzplätz. Und sie hegt und pflegt ihre Schützlinge genau so sorgfältig und liebevoll wie damals ihre Kindergärtler. Ruth Fries ist dankbar, hier leben zu dürfen. Einzig etwas mehr einheimische Pflanzen würde sie sich im Quartier wünschen sagt sie mir zum Schluss... Altgeissensteinerin Ruth Fries (83) gehört zu der kleinen Gruppe von Geissensteinerinnen und Geissensteinern, die man fast schon als «Ureinwohnerinnen» bezeichnen könnte. Ihr Grossvater Josef Fries, ehemaliger Lehrer im Moosmattschulhaus, übernahm von 1931 bis 1942 das Präsidium der EBG. Ruth Fries wohnt, mit Ausnahme von drei Jahren, seit ihrer Geburt im Quartier. Interview: Marlis Notter
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